Projekt 8

Crataerina melbae, aus: Müller (2000) Joachim Müller et al. (2000): Beiträge zu Erforschung der Hippoboscidae - Gemeinschaftsaktion „Alpensegler & Lausfliege" im Jahre 2000 der FG Faunistik und Ökologie, Staßfurt/Magdeburg (ST) und des NABU „Aktion Alpensegler", Freiburg im Breisgau (BW).


Kontaktadresse:
Dr. Joachim Müller, c/o FG Faunistik und Ökologie, Frankefelde 3, D-39116 Magdeburg

Bericht
Bei der Erstellung der Checkliste für die Lausfliegen (Hippoboscidae) wurde seinerzeit festgestellt (Müller 1997, 1999), daß in der seit Anfang der fünfziger Jahre existierenden deutschen Alpensegler-Ansiedlung in Freiburg im Breisgau (Baden-Württemberg) mit der Alpensegler-Lausfliege Crataerina melbae (Rondani, 1879) zu rechnen ist [siehe auch Walter et al. (1990)]. Um diese Wissenslücke nun endlich zu schließen, suchte der Berichterstatter durch die freundliche Vermittlung von Herrn Dr. Klaus Sternberg (Stutensee) den Kontakt zum Betreuer der Freiburger Alpensegler-Ansiedlung, Herrn Matthias Schmidt (Freiburg i. Br.). Im Ergebnis dessen kam es am 23. Juli 2000 zu einer gemeinsamen Beringungsaktion der letzten 8 fast flüggen Alpensegler. Bei dieser Gelegenheit konnten 89 Imagines und 49 Puparien von Crataerina melbae (Hippoboscidae) gesammelt werden.
Durch je eine ornithologische und entomologische Publikation (Müller & Schmidt 2000; Müller 2000) wurde die Alpensegler-Lausfliege offiziell für die deutsche Dipterenfauna gemeldet. Bei der Materialauswertung und den durchgeführten Literaturrecherchen stellte M. Schmidt allerdings fest, daß diese Lausfliegenart bereits von Westermann (1959) bei seiner Beschreibung der neuen Alpensegler-Brutplätze in Freiburg erwähnt wird. Folglich war die Art eigentlich schon seit 1959 für die deutsche Fauna bekannt, was bisher aber keinen Eingang im entomologischen Schrifttum fand (Walter et al. 1990; Müller 1997, 1999).
Während der entomologischen Untersuchungen wurde festgestellt, daß die Flügeladerung bei C. melbae - wie mittlerweile bekannt - stark variiert und auch in unserem Material einer großen innerartlichen Variabilität unterliegt. Diese zeigt sich im Flügelbau bei 89 untersuchten Exemplaren im Bereich der Basalzellen, in der Länge von M1+2 und der damit verbundenen Flügelspitze sowie in der Subcosta. Aufgrund der festgestellten „Merkmalsbreite" können die von Rondani (1879) beschriebene Stammform C. melbae und die inzwischen synonymisierten Nominalarten C. longipennis und C. propinqua (Austen 1926) nur noch als „Variationstypen" von C. melbae aufgefaßt werden. Darum unterscheiden wir nach unseren morphologischen Befunden (Müller 2000) nur noch zwischen dem „Typ melbae" (Theodor & Oldroyd 1964: Textfigur 60), dem „Typ propinqua" (Theodor & Oldroyd 1964: Textfigur 61 [als C. propinqua]) sowie einem intermediären Typ. Damit wird erneut nachgewiesen, daß das sonst bei den Hippoboscidae relativ gut determinierte Flügelgeäder für die Charakterisierung der Crataerina-Arten nicht geeignet ist, sondern nur auf dem Gattungsniveau an Bedeutung gewinnt. Besonders interessant ist dabei, daß das Flügelgeäder von C. melbae selbst in der nordwestlichsten Ecke des westpaläarktischen Verbreitungsareals ihrer Wirtsart - dem Alpensegler Tachymarptis melba [= Apus melba] - einer großen Variationsbreite unterliegt. Zudem kommen die beiden Typen (Formen) in den verschiedenen biogeographischen Räumen nicht regional begrenzt - von der paläarktischen bis in die äthiopische und orientalische Region - vor und lassen sich offenbar auch nicht einem oder mehreren von 10 Wirtsunterarten sicher zuordnen.
Das vorgestellte Projekt ist beispielhaft für eine harmonische und sachbezogene Zusammenarbeit zwischen ehrenamtlichen Spezialisten in Ost- und Westdeutschland und sollte auch andere Freizeitforscher zur Kooperation im wiedervereinten Deutschland anregen.

aus: Müller (2000)

Literatur:
Müller, J. (1997): Lausfliegen-Funde von heimischen Vögeln, nebst Bemerkungen zur deutschen Checkliste Diptera: Hippoboscidae. - Ornithologische Jahresberichte des Museum Heineanum - Halberstadt, 15: 115-132.
Müller, J. (1999): Hippoboscidae. - In Schumann, H.; Bährmann, R. & Stark, A. [Hrsg.]: Entomofauna Germanica 2. Checkliste der Dipteren Deutschlands. - Studia dipterologica Supplement - Halle (Saale), 2: 155-156.
Müller, J. (2000): Crataerina melbae auf Alpenseglern Tachymarptis melba in Freiburg im Breisgau als Ergänzung zur deutschen Checkliste Hippoboscidae (Diptera). - Studia dipterologica - Halle (Saale), 7(2): 501-505.
Müller, J. & Schmidt, M. (2000): Nachweis von Crataerina melbae (Diptera: Hippoboscidae) auf Alpenseglern Tachymarptis melba in Freiburg im Breisgau. - Ornithologische Jahresberichte des Museum Heineanum - Halberstadt, 18: 129-138.
Theodor, O. & Oldroyd, H. (1964): Hippoboscidae. - In Lindner, E. [Hrsg.]: Die Fliegen der paläarktischen Region - Stuttgart, 12: 1-70.
Walter, G.; Kasparek, M. & von Tschirnhaus, M. (1990): Zur Lausfliegenfauna (Diptera: Hippoboscidae) der Vögel in der Bundesrepublik Deutschland. - Ökologie der Vögel - Stuttgart, 12: 73-83.
Westermann, K. (1959): Neue Alpenseglerbrutplätze in Freiburg. - Mitteilungen des Badischen Landesvereins für Naturkunde und Naturschutz e.V. (N. F.) - Freiburg, 7(1-6): 409-410.

Foto & Figuren: J. Müller (2000)

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